Absage der Händelfestspiele 2013. Oder Ein kranker Patient, dem nicht geholfen werden darf?! -Über Ragna Schirmer und die Empörung der Kulturschaffenden

Viele Bereiche der Welt hat der Mensch sich bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts erobert, sie sich so unterworfen, dass er die Kontrolle über sie hat, oder sich wenigstens als mächtig über sie und handlungsfähig wähnt. Wo sie allerdings endet, diese überhöhte, eingebildete humane Macht, zeigt sich, wenn die Natur ihre Kräfte walten lässt. In den Medien sprach man nun schon zum zweiten Mal innerhalb des noch so jungen Säkulums von einer „Jahrhundertflut“, die Ende Mai/Anfang Juni 2013 auch Halle an der Saale mit großer Wucht traf. Plötzlich bleibt kaum noch etwas in den Händen der betroffenen Bürger einer Stadt, denen ihr Hab und Gut wörtlich davonschwimmt, in den Händen von Politikern, die Entscheidungen zu treffen haben, in den Händen von Experten, die sich auf gewisse Hochwasserschutzmaßnahmen spezialisiert haben. Plötzlich werden sie uns aufgezeigt, die Grenzen unserer Einflussnahme.

Besondere Umstände erfordern manchmal besondere Entscheidungen. Die Ausrufung des Katastrophenstandes für eine Stadt dürfte in die Kategorie „besonderer Umstand“ einzuordnen sein. Nichtsdestotrotz, Entscheidungen stehen nie für sich. Entscheidungen sind immer in einen Kontext gebettet, ziehen aber ebenfalls stets Konsequenzen nach sich.

Wenn nun ein Oberbürgermeister Dr. Bernd Wiegand der Stadt Halle (Saale) im Bündnis mit einem Dr. Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen – Anhalt, entscheidet, ein Großereignis wie die Händelfestspiele 2013 abzusagen, dann kann dies durchaus fatale ökonomische Folgen haben, eine u.a. beinahe entstandene Insolvenz des Veranstalters nämlich. Aus moralischer Sicht scheint es auf den ersten Blick mehr als vertretbar zu sein, Festivitäten ausfallen zu lassen, wenn zum einen Menschen Habseligkeiten verlieren oder sogar vor dem materiellen Existenzverlust stehen, und zum anderen in eben diesem selben Moment sich andere ausgelassen vergnügen und sich kulturellen Genüssen unterziehen würden. Doch selbst unter diesem Aspekt wurden erste Einwände laut, bereits in Privatgesprächen von Studenten der Martin-Luther-Universität. Wohin mit Moral und Gewissen, wenn die einen vom Sandsackschleppen kommen, sie aus Solidarität mit vom Hochwasser Bedrohten Zeit und Kraft investieren, um gegen die Fluten anzukämpfen, und die anderen im Straßencafé sitzen und in Ruhe ein kühles Getränk genießen? Wenn Menschen mit Gummistiefeln ausstaffiert und wunden Händen an den flanierenden Herausgeputzten vorbeigehen durch die Kneipenmeile? „Das Leben geht doch trotzdem weiter“, hörte man da aus dem einen oder anderen Mund. Die Problematik, die im Kleinen anhand dieses Beispiels deutlich wird, spielte sich nun auch auf höherer Ebene ab. Katastrophenstand und Musikfestival, das passt einfach nicht.

Passt es wirklich nicht? Hätte man die Händelfestspiele 2013 dem neuen Kontext anpassen können? Gar müssen? Die Entscheidung gegen die Feierlichkeiten durch OB Wiegand hat eine weitreichende Kontroverse in der Saalestadt ausgelöst. Ein eklatanter Disput zwischen den Lagern der Absage-Befürworter (Politiker) und der Absage-Gegner („Kulturschaffende“) entstand. Doch verblüffender Weise lässt sich ein drittes Lager konstatieren: das der „Händelhasser“, der Menschen, die eine unsachliche Hetze gegen die Künstler betreiben. Das der provozierenden Online-Kommentatoren, die in den zur Debatte freigegebenen Spalten der Mitteldeutschen Zeitung oder auch im sozialen Portal „facebook“ Bemerkungen wie „elitäre Gelage“ der „angeblichen Künstler“ gehörten ohnehin „verboten“ (Quelle) von sich geben.

Zurück zur Moral: „Jahrhundertflut“ und Händel? Das scheint offensichtlich unvereinbar. Auf den ersten Blick und beim ersten Gedanken. Denn schon der zweite Gedanke lässt die Größe des Gesamtkontextes erahnen. Es geht nicht nur um „Anstands-Bedenken“. Es geht um die Infragestellung der Existenz eines kulturellen Großereignisses, das so in der Saalestadt seit 1952 jährlich stattfand und 1922 aus der Taufe gehoben wurde. Es geht um den Ruf des Musikfestivals, der auf dem Spiel steht, um die Legitimität des Tragens des Titels „Händelstadt“ einer urbanen Siedlung, aber gleichzeitig um das Wenden gegen Händel in Anbetracht der Naturgewalten. Es geht um Gagen, die trotz des Ausfalls an gebuchte Künstler gezahlt werden müssen. Es geht um stornierte Hotelzimmer und um die mögliche Insolvenz des Veranstalters, um nur einige Facetten der Tragweite des Programmausfalls aufzuzeigen. Besondere Umstände erfordern manchmal besondere Entscheidungen. Der über Deutschlands Grenzen hinaus bekannten Pianistin und Wahlhallenserin Ragna Schirmer, geboren 1972 in Hildesheim, soll an dieser Stelle und im Namen der Kulturschaffenden in Halle Raum für ein Plädoyer entgegen der Absage der Festspiele zugestanden werden. Sie wird gewählt als Anwältin der Künstler in Halle, als Vertreterin all jener, die mit den Konsequenzen des ausfallenden Events zu kämpfen hatten. Als Sprachrohr all jener, die fragen lassen, ob „Kultur“ sich nicht auch in Ausnahmesituationen einbinden lässt. Als Stimme all derer, die zu bedenken geben, ob ein Stück Musik oder Schauspiel nicht auch Lichtblick und kurzweilige Flucht aus den Problemen in einer prekären Lage sein kann. Für all jene, die im Zuge der geplanten massiven Kürzungen im Kulturbereich eh schon große finanzielle Bauchschmerzen haben. Zugrundeliegendes Material für die Veranschaulichung dieses einen stellvertretenden Akteurs in der Debatte um das Für und Wider der Händelfestspiele 2013 ist zum einen ein „Krankenbrief“ der Pianistin an den „Patienten Halle“, zum anderen ein Interview mit der Pianistin durch das Kulturradio „mdr figaro“ vom 06.06.2013.

„Halle! Seit 17 Jahren wohne ich in Dir. Du hast es mir echt nicht leicht gemacht, warst stur und trotzig und dennoch habe ich Dich immer geliebt. Nun bist Du seit ein paar Tagen krank. Sehr schwer krank. Liegst im Flussbett. Und ich als Künstlerin darf Dir nicht helfen. Ich stehe an Deinem Bett und habe zu schweigen. Die Entscheidung, Dir angesichts der Naturkatastrophe Dein schönstes Kleid der Händelfestspiele auszuziehen und wegzunehmen, ist das eine. Das kann man wenn schon nicht gutheißen, doch zumindest zu verzeihen versuchen. Aber dass Du jetzt mit Deiner Sturheit weiterhin alles ablehnst, was wir Künstler Dir darreichen wollen an Medizin, und Dich so noch kränker machst, das verstehe ich nicht. Lies doch mal den verzweifelten Brief von Herrn Brenner an Deinem Krankenbett. Wir wollen doch alle nur helfen. Und während Du jede künstlerische Hilfe ablehnst und weiter verweigerst, fangen an Deinem Bett die Künstler zu streiten an. Beschimpfen sich gegenseitig und machen die ohnehin schon schlimme Situation noch schlimmer. Auch uns steht das Wasser bis zum Hals. Nicht so offensichtlich wie Dir, aber auch schmerzhaft. Bitte lass nicht zu, dass wir uns gegenseitig bekämpfen. Bitte gib Deine Sturheit auf und lass uns Dir unsere Blumen ans Bett bringen. Ich fühle mich sonst nicht mehr wie Deine Partnerin. Und das nach 17 Jahren….“ (facebook-Profil Ragna Schirmer).

Die Stadt Halle – ein „kranker Patient“. Die Künstler werden dabei zu den besorgten Verwandten und Freunden, die nicht ans Krankenbett gelassen werden, zur Ärzteschaft gar, die nicht (be)handeln darf, weil die Patientenverfügung fehlt. Handlungsunfähige, gebundene Hände haben, das ist das Gefühl, das unter den Schauspielern und Musikern vorherrscht. Die inhaltlich identische Anklage Ragna Schirmers lässt sich ebenfalls im Interview mit mdr figaro finden. Folgende transkribierte Passagen sollen den Standpunkt der Pianistin verdeutlichen:

Ragna Schirmer:
„Na ich war zunächst einmal völlig fassungslos, muss ich sagen. Ich hab‘ diese Nachricht gehört, ich konnt’s nicht glauben. Ich hab‘ Clemens angerufen, hab‘ gesagt ‚Ist das wirklich wahr?‘, Und, ähm, ich persönlich bin auch mit der Begründung überhaupt nicht einverstanden. Wir werden hier dargestellt vergleichbar mit dem Laternenfest als … wäre.. das äh Musizieren eine große Volksbelustigung, die sich sozusagen auf Kosten der Flutopfer dann bewegt. Im Gegenteil, man hätte die Musikfestspiele nutzen können und müssen um.. Spendengelder zusammen zu bringen. Sicherlich wären ganz viele Musiker bereit gewesen, auf Gage zu verzichten, äh, zugunsten der Flutopfer. Ich hätte sowieso keine Gage gekriegt, weil ich das alles zugunsten meines Orchesters schon eingeplant hatte, aber ähm man hätte natürlich auch die vielen Festivalbesucher, die sicherlich offene Portemonnaies gehabt hätten, wenn sie die Katastrophe hier gesehen hätten, nutzen können und hätte im Grunde genommen „Jahrhundertfestspiele“ machen können und müssen. Also ich wäre total in den Aktionismus verfallen statt jetzt ähm äh den Kopf in den Sandsack zu stecken und zu sagen, wir machen jetzt gar nichts. Die Musiker sind da, die Säle sind größtenteils trocken, sie sind bereit zu spielen und jetzt äh ähm stehen alle da und haben so das Gefühl sie können eigentlich ihre Möglichkeiten nich‘ einsetzen, denn wie schon Melanie Hirsch auch in der Zeitung geäußert hat, natürlich können wir Musiker auch Sandsäcke schleppen, aber wir könnten anders auch.. vielleicht auch viel mehr helfen, indem wir nämlich jetzt wirklich durch’s Musizieren Geld zusammenbringen würden“ (Quelle).

Die grundlegende Botschaft dieser Worte wird sehr deutlich: die Händelfestspiele hatten und haben keinen Rummelcharakter, werden aber aus Sicht Schirmers damit gleichgesetzt. Das Interesse der Musiker ist es nicht, eine ungezwungene Festveranstaltung abzuhalten, im Gegenteil – sie klagen an, dass ihnen jede Möglichkeit genommen wird, mit der Musik eine unterstützende Rolle einzunehmen und für die Einnahme dringend benötigter Gelder sorgen zu können. Ein mehrfach geäußerter Vorschlag seitens der Künstler war es, Benefizveranstaltungen durchzuführen, aber für die Flutopfer. Kulturelle Ereignisse eben nicht im Widerspruch zur Naturkatastrophe:

[…] Also, man weiß ja auch, dass Georg Friedrich Händel selbst Benefizkonzerte veranstaltet und gegeben hat und an dem hätte man sich jetzt ein Beispiel nehmen ..sollen.. Ich persönlich habe’s auch schon erlebt, ich habe Anfang der 90er Jahre in Zagreb mehrere Konzerte gespielt, eins sogar unter Bombenalarm, ich weiß, dass Menschen in Notsituationen Musik ganz ganz stark als Trost auch brauchen können.. wir machen kein Halli-Galli, wir machen Barockmusik, wir wir wir.. bringen Menschen zusammen. Vielleicht hätte der eine oder andere Konzertbesucher sogar mal für zwei Stunden die Katastrophe vergessen, wir hätten internationale Prominenz hier gehabt, ich hatte ja ähm von den Händelfestspielen eine Auftragskomposition, die hier zur Uraufführung gelangt wäre, wichtigste Musikjournale hätten sich angekündigt, oder hatten sich angekündigt, wir mussten jetzt alle wieder ausladen natürlich. Ich hatte ein Orchester gegründet, das heißt ich hab auch enorme Kosten jetzt, ..ähm, all das hätte man nutzen können und müssen, um ..die internationale Aufmerksamkeit auf Halle zu lenken äh ähm und und und so wirklich äh nicht nur äh ähm Gelder, sondern auch natürlich äh ähm Mitfühlen zu generieren. Vielleicht hätte von ganz anderer Stelle noch äh ähm was kommen können, was man sich alles jetzt vertut als Chance, also ich begreif‘ es nich‘. Die Entscheidung wird im Moment ja so’n bisschen gleichgesetzt, auch in der Wahrnehmung der Bevölkerung mit dem Absagen des Laternenfestes vor ein paar Jahren. Das halte ich für eine ganz andere Geschichte. Das Laternenfest ist ein Volksfest, ist ein..ein ein Feiern, beim Händel äh äh hätte man auf’s Feiern wirklich verzichten können und wirklich sagen können ‚Wir machen Musik‘ und äh wir.. wir wir helfen.. MIT der Musik“ (Quelle).

Sich nicht gegen Händel, sondern für ihn entscheiden. Trotz und gerade aufgrund der Notsituation, das ist es, wofür Schirmer plädiert. Historisch gesehen in seine Fußstapfen treten, wohltätig wie er selbst seinerzeit handeln. Mit Unverständnis und enttäuscht reagieren die Kulturschaffenden auf ihr „Spielverbot“ gewissermaßen. Sie hätten gern gewollt, doch durften nicht. Ihr Frust, wohl berechtigt. Wie wäre es gewesen, z.B. Kinder betroffener Familien mit einem Programm für einige Zeit abgelenkt haben zu können?

[…] dass wir so..so dargestellt werden ‚Wir ..Wir dürfen jetzt nicht feiern, aber wir dürfen im Grunde genommen ja auch nicht HELFEN.. Also ich traf Schauspieler, die sachten, wir würden jetzt vielleicht Kindervorstellungen machen, für die Kinder der betroffenen Familien, damit die ihre Kinder bei uns im Puppentheater oder im Thalia-Theater für `n paar Stunden ablenken lassen können, wir würden die einfach jetzt machen und und und bespaßen, stattdessen rennen die alle ins Kino oder ins Fußballstadion und..das ist ..erlaubt, aber wir..wir dürfen nichts. Und das äh, das.. das ist mir nicht begreiflich. Ich versteh’s einfach nicht. Weil, weil, wir möchten nicht feiern, wir möchten helfen“ (Quelle).

Pläne können veränderten Umständen angepasst werden. Pläne sind das, was sie sind: die Idee, die Vorstellung davon, wie etwas ablaufen soll. Verändert sich aber der Kontext, kann auch ein Plan verändert oder sogar vollständig verworfen werden. Es ist bedauerlich, dass OB Wiegand den Kulturschaffenden der Stadt verwehrt hat, einen neu generierten Plan mitzugestalten. Mithilfe von -Besuchern, die sich ihr Geld für die Veranstaltungstickets nicht zurückerstatten lassen haben, -Künstlern, die auf ihre Gage verzichteten, -Agenturen, die gar keine oder nur Teilrechnungen ausstellten, -Sponsoren, die von Rückforderungen absahen, -Hotels, die die Storno-Gebühren auf ein Minimum reduzierten und des durch -Sachsen-Anhalts Kultusministers Dorgerloh zugesicherten Landeszuschusses für die Festspiele für 2014 scheint das Fortbestehen des bedeutsamen Musikfestivals gesichert (Quelle). Ob der Weg dahin nicht aber hätte ein anderer sein können, bleibt fraglich.

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