Bedroh(n)te Sprayer

„Ist das Kunst, oder kann das weg?“- eine Frage, die im Zusammenhang mit Graffiti und Streetart wohl des Öfteren gestellt wird und deren Antwort vermutlich irgendwo zwischen beiden Extremen liegt. Für die Deutsche Bahn AG (DB) hingegen dürfte die Reaktion auf ein solches Nachfragen wohl eindeutig lauten: „Das MUSS weg“. Vor einigen Wochen informierte der Sicherheitsbeauftragte der DB, Gerd Neubeck, über „[…] den neuen Weg […]“, den man in Zukunft zur Bekämpfung von Graffiti einschlagen wolle. Der Konzern testet derzeit den Einsatz von unbemannten Fluggeräten, den Drohnen, gegen Sprayer. In folgenden Ausführungen soll der Diskurs über diesen Einsatz beleuchtet und bewertet werden. Die Grundlage hierfür liefern neben öffentlichen Berichterstattungen vor allem Auskünfte und Meinungen verschiedener Graffiti- und Streetartkünstler, die in persönlichen Gesprächen gesammelt wurden.

„Wie lächerlich das ist. Völlig übertrieben. Das Geld und die Zeit könnten die viel sinnvoller investieren.“ Dies ist die erste Reaktion, die ich erhalte, als ich Christian* (32 Jahre, aus Leipzig, seit 15 Jahren Graffitikünstler) auf das neue Projekt der DB anspreche. Er schüttelt dabei spöttisch lachend den Kopf und fügt hinzu: „Mir ist es doch egal, ob ich mich vor ´nem Sicherheitstypen oder so ´ner Drohne verstecken muss. Illegal ist´s so und so. Aufpassen muss man immer.“

Auch Justus* (27 Jahre, aus Leipzig, Sprayer seit 9 Jahren) spricht als erstes die finanzielle Unverhältnismäßigkeit an, als ich nach seiner Meinung zu dieser Thematik frage: „[…] viel sinnvoller wäre es doch, das Geld gezielt in irgendwelche Projekte für die Kiddies zu stecken. Oder, was weiß ich, so Ausschreibungen und Wettbewerbe zu starten. Der Gewinner darf dann ganz offiziell und legal ´nen train bemalen.“

Die Deutsche Bahn AG rechtfertigt den Einsatz der Drohnen mit jährlich ca. 7,6 Millionen Euro, die investiert werden müssten, um Graffitischäden zu beseitigen. Im Jahr 2012 wurden circa 14000 „Schmierereien“ im größeren Stil, sogenannte Bombings, gezählt und entfernt. Um diese Zahlen einzudämmen, sollen künftig die ferngesteuerten Spione, ausgestattet mit Wärmebildkamera, die Areale der DB überfliegen. Es besteht die Möglichkeit der Videoaufzeichnung, die laut Deutscher Bahn AG im Falle einer Strafverfolgung Verwendung finden könnte. Um eine solche ca. 16000€ teure Flugdrohne zu bedienen, benötigt es zwar keine Lizenz, wohl aber einen Mitarbeiter, der sie steuert, einen Weiteren, der die Aufzeichnungen sichtet, auswertet und im Fall der Fälle einen Sicherheitsbeamten am Ort des Geschehens, benachrichtigt.

„Um ehrlich zu sein, ist es doch so: am Ende der Technik steht ein Mensch -nein, der sitzt bestimmt (lacht)- also kommt es doch auf´s Gleiche ´raus. Verstehst du, was ich meine? Erwischt werden will ich so oder so nicht. Ob nun direkt durch den Sicherheitsfutzi oder über den Umweg mit der Drohne.“, so Lisa* (25 Jahre, aus Berlin, Streetart- und Graffitikünstlerin seit 6 Jahren) während sie die Sprühaufsätze ihrer Dosen austauscht.
„Deutschland ist halt einfach so spießig!“

Ihr kritischer Blick überfliegt das ca. 2×2 Meter große, für meine Augen sehr abstrakte Bild, an dem sie gerade arbeitet. Es ziert eine Wand in einem alten, heruntergekommenen, leer stehenden Haus in einem ehemaligen Industriegebiet am Rande Berlins. Während sie hier und da einige Linien nachzieht und Feinheiten ergänzt, führt sie fort: „In Islington [Stadtbezirk Londons,-Anmerkung d. Autors) werden Pieces von Banksy [der wohl bekannteste Streetartkünstler- Anmerkung d. Autors] von offizieller Seite her geschützt. Ich mein, gut – es ist Banksy, aber trotzdem – so was wird da beachtet. Naja, ich bin froh, dass es hier nicht ganz so schlimm ist wie in Australien.“ Lisa spricht damit die Nulltoleranz gegenüber Graffiti in Sydney an, wo konsequent dagegen vorgegangen wird, sogar wenn der Eigentümer der besprühten Flächen sein OK für die urbane Wandgestaltung gegeben hat.

Aber zurück zu den Drohnen. Wie konnte es soweit kommen, dass eine Technologie, bekannt für Einsätze im Krieg und im „Kampf gegen den Terror“ (sicherlich auch Material für kontroverse Diskussionen), eingesetzt werden soll um Graffiti zu verhindern?

„Das ist mit Sicherheit nicht das Ende der Fahnenstange. Ich mach´ das ja schon ´ne Weile und hab´ da quasi die Entwicklung miterlebt. Als ich angefangen hab´, waren da, wenn überhaupt, ein paar Sicherheitsleute. Später dann auch mehr und mehr Kameras. Aber ich mein´, ich kenn´ da keine Zahlen oder Studien und so. Aber ich glaube nicht dass es da ´ne absteigende Tendenz gab, vielleicht sogar im Gegenteil. Also ich hatte nie das Gefühl, dass weniger gesprüht worde. Eher im Gegenteil. Graffiti und Streetart werden, glaub´ ich, immer interessanter. Also ich glaube nicht dass stärkere Überwachung etwas gebracht hat. Das wird bestimmt auch mit den Drohnen so, wenn die wirklich kommen. Ich mein´, so Kiddies schreckt das vielleicht ab. Die woll´n das vielleicht mal ausprobieren und bekommen dann durch so was Schiss. Aber so richtige Künstler, die leben und brennen doch dafür. Die hält so was nicht auf. Viel krasser sind diese Lacke. Ich hab mal so ´nen Zug erwischt. Das ist dann richtig kacke. Da freust du dich drauf dampfen zu gehen [Szenejargon für „sprayen gehen“- Anmerkung d. Autors] und dann perlt die Scheiße da ab wie Wasser. Das ist so richtig mies, für die aber bestimmt viel effektiver. Wobei, wenn die das durchziehen würden wäre es bestimmt auch wieder nur ´ne Frage der Zeit bis da neue Farben entwickelt werden, die trotzdem halten. Und außerdem haben wir da mittlerweile auch unsere Mittel und Wege uns da behilflich zu werden (lacht).“

Christian spielt hier auf spezielle Lacke der DB an, die den Lack der Sprühdosen dank Lotuseffekt abperlen lassen – die offensichtlich viel schmerzhaftere und effektivere Möglichkeit Graffiti zu bekämpfen – sofern das überhaupt w i r k l i c h notwendig ist. Die Kritik, die allen Ausführungen gleich ist, ist die, die sich mit der Frage der Verhältnismäßigkeit beschäftigt. Ist es wirklich sinnvoll eine solche Technologie, die sowohl finanziell sehr aufwändig ist, als auch einen Mehrbedarf an Personal fordert, einzusetzen um ein Delikt der unteren Kriminalitätsstufe einzudämmen? Weiterhin steht die Antwort auf Frage nach der Effizienz ebenfalls noch aus. Kann das Ziel, Graffitikünstler von den Zügen fernzuhalten wirklich durch den Drohneneinsatz erreicht werden? Und falls die Strategie aufgeht, käme es nicht wohl möglich einfach zu einer Verlagerung auf drohnenfreie Abschnitte? Justus sagt es zwar scherzhaft, aber dies ist sicher ein Aspekt, den auch die Deutsche Bahn AG in ihre Planung einschließen muss.

„[…] dann sprüh´ ich halt irgendwo ´nen Zug an, wo kein so´n Ding fliegt […]“
Fakt ist – obwohl noch „nur“ in der Testphase – die DB liebäugelt mit dem Einsatz verschärfter Überwachungstechnologien gegen Graffiti. Der Diskurs über diese Problematik kann und muss jedoch vertieft werden. Letztendlich ist anzunehmen, dass es um viel mehr als bloße Prävention von Straftaten geht. Verschiedene Schlagworte wie Datenschutz, Kunstfreiheit oder Kosten-Nutzen Abwägung gehören zweifelsfrei in die Überlegungen zur Thematik und werden sicherlich, sollte die Deutsche Bahn AG ihre Drohnen wirklich fliegen lassen, den Weg in die öffentlichen Debatten finden.

Eines steht allerdings nahezu fest, sollten die Tests den Schritt zur tatsächlichen Anwendung gehen, so ist damit zu rechnen, dass das Katz-und.Maus-Spiel von DB und Sprayern in eine neue Runde geht und die ´Gegenseite´ sehr wahrscheinlich ebenfalls die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel weiterentwickelt um mit ebenfalls neuen „Technologien“ nachzuziehen.

Vielleicht eine romantisch-naive Vorstellung, aber wäre ein Einander-Annähern nicht der effektivere Weg?

* Name vom Autor geändert

 

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