Containern in Halle

In den Medien wird immer häufiger über das „Containern“ bzw. „Dumpstern“ berichtet. Dies bezeichnet das Sammeln weggeworfener Lebensmittel, zumeist aus den Müllcontainern von Supermärkten. Die Motivation, die dahinter steckt ist in den meisten Fällen politischer Natur. Wer containert verbindet damit oft eine Kritik an der Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Die Community der „Dumpster“1 kritisiert, dass, zumindest in den Industrieländern, zu viele Nahrungsmittel produziert und weggeworfen werden, wohingegen die Menschen in anderen Ländern unter Hunger leiden bzw. den Hungertod sterben. Die quasi industrielle Vernichtung der Lebensmittel durch Supermärkte wird hier im besonderen bemängelt, da noch nutzbare Lebensmittel entsorgt werden, welche eigentlich noch konsumierbar wären, deren Haltbarkeitsdatum jedoch abgelaufen ist bzw. die sich aufgrund optischer Mängel nicht mehr zum Verkauf eignen.
Jene, die dies praktizieren, kommen nicht selten aus dem studentischen bzw. linksalternativen Milieu. Obdachlose oder sozial marginalisierte Menschen trifft man eher selten beim Wühlen in Mülltonnen an.Die Personen, die containern, bilden oft Netzwerke. Man trifft sich um zusammen loszuziehen, bildet Gemeinschaften um die gefundene Ware aufzuteilen und vernetzt sich virtuell um über Erfahrungen, Fundorte und mögliche Risiken zu berichten.
Da Containern vor allem ein urbanes Phänomen lässt sich vermuten, dass es auch hier eine Szene oder Community geben sollte. Nach langer Internetrecherche zeigte sich jedoch, dass es zumindest online keine aktive Community gibt. Während man sich in, relativ nahe gelegenen, Städten wie Leipzig, Magdeburg und Erfurt virtuell zu vernetzen beginnt scheint man in Halle kein Bedürfnis danach zu haben. Eine Szene ist hier also nicht existent oder sie versteht sich als so subversiv, das man seine Erfahrungen lieber in der WG-Küche oder in der Kneipe, auf jeden Fall aber lieber unter vier Augen austauscht.
Also musste ich notgedrungen selbst losziehen um zu erfahren, was es mit der Praktik des Containerns auf sich hat. Vorab habe ich mich erst mal in online darüber belesen, was man beim containern beachten muss. Hier wird auch vor möglichen juristischen Folgen gewarnt.In Deutschland gehört der Müll solange seinem ehemaligen Eigentümer, wie er sich in dessen Mülltonnen befindet. Jedoch wird zugleich auch halbwegs Entwarnung gegeben, da man sich in der Regel, wenn überhaupt, nur ein paar Sozialstunden einhandelt. Letzten Endes radle ich, ausgerüstet mit Rucksack, Müllbeuteln und Taschenlampe los zum ersten Supermarkt.
Jener sollte ein Pennymarkt im Paulusviertel sein. Beim öffnen der Mülltonnen, welche sich auf dem Parkplatz im Hinterhof befanden, musste ich feststellen, das dort tatsächlich nichts verwertbares aufzufinden war. Also ging es wieder ab aufs Rad, die Reilstraße entlang Richtung Geiststraße um die dort gelegenen Mülltonnen näher zu betrachten. Dort wurde ich tatsächlich fündig. Jedoch war nichts Spektakuläres dabei. Eine ganze Menge an Bananen, ein paar Tomaten und Paprikaschoten.
Ich beschloss meine Suche fortzusetzen und radelte in Richtung Kröllwitz, wohl wissend, dass mich hinter der Brücke an der Burg Giebichenstein noch drei weitere Supermärkte erwarten. Nachdem ich den steilen Berg hinter mich gebracht hatte erreichte ich den nächsten Supermarkt. Dessen Mülltonnen, die sich auf der Laderampe befanden enthielten außer Tomaten und Bananen, von denen sich bereits ausreichend viele in meinem Rucksack befanden, noch ein paar Blumentöpfe mit unterschiedlichsten Pflanzen. Da ich weder über einen grünen Daumen verfüge, noch mich jemals für Gartenarbeit interessierte, beschloss ich diese zurück zu lassen. Die nächsten beiden Märkte waren etwas ergiebiger. Neben den üblichen Obst- und Gemüsefunden fand ich dort etwas Joghurt und ein paar Backwaren vor.
Letzten Endes beschloss ich mit meinen Funden nach Hause zu fahren und Bilanz zu ziehen. So ergiebig, wie die auf diversen Internetseiten präsentierten Ausbeuten war meine leider nicht. Jedoch hätte sie ausgereicht um sich davon 2-3 Tage zu ernähren. Als Praktik kostenfreier Nahrungsbeschaffung im Kapitalismus ist das „Containern“ zweifelsfrei geeignet. Zumal man eine gewisse Zufriedenheit beim Anblick der Ausbeute verspürt. Diese rührt jedoch eher daher, dass ich mir dabei bewusst werde, wie viel Geld ich dabei gespart habe.
Sonderlich kritisch fand ich mein Handeln jedoch nicht. Es ist sicher nichts falsch daran ein Zeichen gegen Überproduktion und Lebensmittelverschwendung setzen zu wollen, jedoch ist fraglich, ob sich „Containern“, aufgrund mangelnder Öffentlichkeit, dazu eignet. Ich verstand es mehr als eine Art Bestandteil eines bestimmten Lifestyles, der in bestimmten Milieus praktiziert wird.

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One thought on “Containern in Halle

  1. Kennt ihr die Internet-Plattform foodsharing? Ich denke, es passiert Jedem mal, dass man von dem haarigen und blau-grünen Tunichtgut heimgesucht wird, und dann ist das Gejammer groß. Doch hier kann man vorsorgen und Lebensmittel in Form von „Essenskörben“ anbieten, sich mit Gleichgesinnten austauschen oder Gefährten für die nächste Container-Tour finden, um so Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Die Plattform kann auch von Händlern genutzt werden, damit weniger im Müll landet. Auch in Halle wurden bereits 45,23 Kg Lebensmittel gerettet!

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