Der Lindentaler – die Regionalwährung für Leipzig und Halle

Wachsende Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Fachkräftemangel; das alles sind Begriffe, die immer wieder durch die Medien kursieren. Viele Regionen werden als „strukturschwach“ bezeichnet, die Schere zwischen Arm und Reich weitet sich. Aber wie kommt das zu Stande und wie kann man diesen Entwicklungen begegnen? Um die Schwächen des bestehenden Wirtschaftssystems auszugleichen gibt es viele Ansätze: Bedingungsloses Grundeinkommen, Tauschringe und Regionalwährungen – aber wo ist da ein Zusammenhang? All diese Konzepte haben ihre ganz eigenen Grundideen. In der Regionalwährung für die Region Leipzig und Halle, dem Lindentaler, fließen diese Ideen zusammen.

Was will überhaupt eine Regionalwährung?

Was eine regionale Währung ist, erklärt sich von selbst; was aber der Zweck ist, ist auf den ersten Blick weniger ersichtlich. Schließlich gibt es ja den Euro als Tausch- und Zahlungsmittel. Der entscheidende Unterschied? Der Euro ist nicht regional gebunden, sondern städte-, bundesländer- und staatsübergreifend einsetzbar. Aber inwiefern sollte das ein Problem sein, das Innovationen im Währungsbereich erforderlich macht? In dem Tausch von Waren gegen Geld entstehen Kreisläufe und Flussrichtungen. Strukturschwache Regionen, die selbst wenig produzieren und somit wenig exportieren können, sind auf Importe angewiesen. Es entsteht eine Fließrichtung des Geldes, weg von der Region, hin zu strukturstarken Gegenden, aus denen importiert wird. Durch den Geldzufluss gibt es dort mehr Arbeitsplätze und höhere Löhne, sodass es auch zu einem Abwandern qualifizierter Fachkräfte aus den wenig erfolgsversprechenden strukturschwachen Regionen, hin zu den lukrativen strukturstarken Gegenden kommt. Es entsteht somit eine Art Teufelskreis, der die Starken stärker und die Schwachen schwächer werden lässt. Genau hier setzt die Regionalwährung an. Durch die regionale Gebundenheit ist ein Abfließen des Geldes und somit der Kaufkraft nicht mehr möglich und die Fließgeschwindigkeit wird durch den kleineren Radius und weitere Mechanismen der Regionalwährung erhöht.

Wie sieht das konkret in der Umsetzung aus?

Ein beliebtes Beispiel ist das des Bäckers. Produziert er im Rahmen einer Regionalwährung, muss er seine Lieferantenstruktur überdenken. Vielleicht bezog er vorher das Mehl aus einem anderen Bundesland, vielleicht sogar aus einem anderen Staat. Bei einer regionalen Gebundenheit der Währung ist er dazu angehalten auf regionale Anbieter umzusteigen, die er in der Regionalwährung bezahlen kann. Diese befinden sind dann in der gleichen Situation, und so weiter. Die regionalen Wirtschaftsnetzwerke werden also gestärkt und es können bestehende Lücken aufgedeckt und durch lokale Unternehmensgründungen geschlossen werden. Neugründungen von Unternehmen werden also unterstützt, womit die Schaffung von Arbeitsplätzen einhergeht. Auch in den bereits bestehenden Unternehmen können die Arbeitsplätze durch die regionalen Aufträge gesichert werden.

Was hat das mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu tun?

Bis hierher noch gar nichts. Es ist auch nicht jede regionale Währung danach ausgerichtet. Der Lindentaler integriert diese Idee aber in sein Konzept und stellt jedem Mitglied monatlich einen Betrag von z.Z. 50 LT bedingungslos zur Verfügung, wobei ein Richtwert von 20 LT als Bezahlung pro erbrachter Stunde Arbeit angegeben ist. Es ist also theoretisch möglich, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen, 2,5 Stunden lang seine Wohnung putzen zu lassen. So ist es natürlich nicht gedacht. In der Regel hat jeder Mensch Fähigkeiten, die er in diesem Rahmen anbieten kann. Das reicht vom Fensterputzen, über Kinderbetreuung bis hin zu Nachhilfe, Massagen und allen anderen Dienstleistungen. Bisher ist es dieser Dienstleistungsbereich der im Rahmen des Lindentalers am weitesten ausgebaut ist, worin sich die Ähnlichkeit zu Tauschringen findet. Das Ganze folgt dem Prinzip von Geben und Nehmen.

Wie genau funktioniert der Lindentaler?

Der Lindentaler ist bisher eine rein virtuelle Währung. Das Prinzip beruht darauf, dass nach der Inanspruchnahme einer Leistung, die entsprechende Menge LT online an das Mitglied überwiesen wird, das die Leistung erbracht hat. Darüber hinaus verfügt der LT über eine Umlaufsicherung. Das bedeutet, dass von dem vorhandenen Guthaben auf den Mitgliederkonten monatlich 5% verfallen. Ein Anreiz die LT also möglichst zügig zu gebrauchen ist somit gegeben und auch einer übermäßigen Anhäufung wird entgegengewirkt, da ein Kontostand von 1000 LT nicht überschritten werden kann, wenn ein Mitglied passiv monatlich das Grundeinkommen erhält ohne es zu gebrauchen oder selbst etwas anzubieten. Bei 1000 LT entsprechen 5% Verfall nämlich genau den 50 LT die monatlich gutgeschrieben werden. Ein schneller Geldumlauf sorgt dafür, dass viel und oft Leistungen erbracht werden können, wodurch auch das Netzwerk aktiv und stabil bleibt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es so, dass oftmals Leistungen angeboten werden, die teils teils in LT und Euro zu bezahlen sind, da noch Ausgaben für den Anbietenden entstehen, die er selbst nicht in LT begleichen kann. Umso größer das Netzwerk und die Anzahl der Teilnehmenden wird, umso größer wird auch der Teil, der in LT und somit unabhängig vom eigenen Einkommen (in Euro) bezahlt werden kann. Man kann sich also im Grunde genommen vieles leisten, was einem sonst vielleicht nicht möglich wäre und stärkt damit auch noch die regionale Wirtschaft, was aufgrund kurzer Transportwege wiederum auch der Umwelt zugute kommt.

Ausblick

Natürlich stellen sich weitere Fragen, wie z.B. warum es den LT nicht in Papierform gibt und was das bedeutet. Oder auch, inwiefern regionale Unternehmen bisher eingebunden sind, was die mögliche Reichweite ist und vieles mehr. Diese Fragen, die sich gerade mit den Grenzen und Problematiken rund um den LT befassen, werden hoffentlich bald an ebendieser Stelle durch ein Experteninterview beantwortet werden können.

Für alle Interessierten gibt es weitere Informationen, interessante Links und die Möglichkeit selbst mitzumachen unter lindentaler.org.

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