Frau Lehmanns Kiosk am Steintor

Täglich 30 000 Autos, Straßenbahnen von 6 Linien und hinzukommen unzählige Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger – Die Kreuzung am Steintor gilt als unübersichtliches Gewirr, vor dem selbst alteingesessene Hallenser Respekt haben. Seit dem letzten Jahr steht fest, dass die Kreuzung am Steintor komplett umgebaut werden soll. Unsicher ist dieses Gebiet für Fahrradfahrer durch die wiederholten Auffahrunfälle und selbst für Autofahrer ist vor allem das Linksabbiegen äußerst gefährlich. Während der Pausen im Varieté treten die Besucher fast auf die vielbefahrene Straße. Dies soll nun geändert werden durch ein rund 14 Millionen teures Bauvorhaben. Das Steintorprojekt ist dabei Teil eines 87,5 Millionen teuren Stadtbahnprogramms, dessen Ziel es nicht nur ist, den Auto- und Nahverkehr zu erleichtern und den Radfahrern und Fußgängern eine sichere Überquerung der Kreuzung zu gewährleisten, sondern auch, die Haltestellen barrierefrei zu gestalten und die Fahrzeiten zu verkürzen. In diesem Projekt sind außerdem das Sozial- und Geisteswissenschaftliche Zentrum (SGZ), sowie die Steintor Passage eingebunden, die vom Steintor Varieté zum SGZ führen soll. Man bemühe sich hier nicht nur um eine verkehrstechnische Lösung, sondern auch um eine städtebauliche.

Dieses Jahr soll die Planung stattgefunden haben und ab 2014 beginnt das Mammut-Projekt. In der Planungsphase bemüht man sich intensiv um die Einbeziehung der Anwohner, deren Vorschläge teilweise in die Planung eingeflossen sind. Anfangs standen zwei Hauptvarianten zur Diskussion: ein verlängerter Kreisverkehr zwischen der Paracelsusstraße und der Ernst-Kromeyer-Straße, welcher größere Übersichtlichkeit bieten sollte und zur Entflechtung der Verkehrsströme beitragen sollte. Doch da diese Möglichkeit um 25 % geringere Leistungsfähigkeit bietet als die jetzige Situation, entschied man sich für die „klassische“ Kreuzung, in der eine neue Straße den Verkehr aus der Richtung Steintor und Paracelsusstraße übernehmen soll, während ein Teil der Ludwig-Wucherer-Straße nur noch den Fußgängern und den Straßenbahnen zur Verfügung stehen soll.

In mehreren Bürgerversammlungen konnten sich Bürger zu den Vorhaben informieren sowie Fragen und Kritik äußern. Auffällig ist hier die frühe Einbeziehung der Anwohner. Man wird nicht mit vollendeten Tatsachen konfrontiert, sondern hat die Möglichkeit, die Steintorlandschaft aktiv mitzugestalten. Mehrere hundert Bürger nutzen die ihnen gegebenen Möglichkeiten zur Beteiligung und kritisieren offen besonders ein Vorhaben der Stadtverwaltung: Der Brunnen und der Kiosk im Park sowie viele Bäume sollen entfernt werden. Dies löste eine Welle des Protests aus, angeführt von der Kiosk-Betreiberin Frau Marion Lehmann, die seitdem als Galionsfigur „Frau Lehmann“ für eine bemerkenswerte Bürgerbeteiligung steht. Ihr Kiosk steht schon seit 1999 am Steintor und prägte die Landschaft entscheidend mit.

Ihre rings um den Pavillon angebrachten Schilder zogen die Aufmerksamkeit der vorbeiströmenden Bürger auf sich und überall konnte man auf Unterschriftenlisten seinen Protest kundtun. Schließlich baue man hier für die Hallenser. Auch im Internet war „Frau Lehmann“ aktiv: auf einer eigens eröffneten Facebook-Seite konnte man die Entwicklung der Umbauplanung mit verfolgen und sie in ihrem Kampf zum Erhalt des Kiosks und der Parkanlage unterstützen. Ihre Maßnahmen zeigten Erfolg: Über 3500 Unterschriften konnte sie sammeln und so Druck ausüben. Obwohl die Stadtverwaltung anfangs den Abriss des Kiosks geplant hatte, lenkte sie nun ein, dass der Umbau auch mit Kiosk funktioniert und stellte klar, dass es kein Agieren gegen Frau Lehmann gibt. Auch der Oberbürgermeister Bernd Wiegand sei für beide Varianten offen.
April diesen Jahres dann die Erleichterung: Der Kiosk und das Toilettenhäuschen dürfen stehenbleiben. Zwar werden immer noch ca. 40 Bäume gefällt, darunter auch 18 erhaltenswerte aber dafür werden 54 neue Bäume dazu gepflanzt – viel mehr als vorher geplant. Der alte Brunnen wird abgerissen, doch es soll ein neuer neben einer neu angelegten Baumreihe errichtet werden. Auch soll nun ein geschlossenes Areal an Grünflächen entstehen, obwohl einzeln abgeschlossene Grünflächen vorgeschlagen waren. Dieses neue Areal wird fast so groß sein wie das alte, 3500 m² anstatt 3700 m².
Trotz dieses Erfolges, dem Einlenken der Stadtverwaltung und der großen Unterstützung durch die Hallenser gab Frau Lehmann im Mai bekannt, dass sie ihren Kiosk schließen werde, voraussichtlich im nächsten Jahr. Als Grund gab sie an, dass ihr Kiosk in der Umbauphase wie auf einer Insel stehen würde und dann nur noch wenige Kunden zu ihr gelangen würden. Das würde sie wirtschaftlich nicht durchhalten. Ihren Kiosk muss sie nun verkaufen und sich neue Arbeit suchen. Ihr unermüdlicher Protest sowie ihre Unterschriftenaktion waren dennoch nicht umsonst. Dank Frau Lehmann konnten nicht nur der Park samt Brunnen und einer Vielzahl von Bäumen gerettet werden, sondern sie hat den Hallensern auch eine Möglichkeit gegeben, zu protestieren und ein Projekt auch nach ihren Wünschen umzugestalten. Diese von ihr ins Leben gerufene Bürgerbeteiligung schärfte das Bewusstsein der Bürger sich aktiv für etwas Wichtiges zu engagieren und trotz aller Hindernisse nicht aufzugeben.

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