Kulturabbaus in Sachsen-Anhalt (Initiative 5 vor 12)

Sachsen-Anhalts Kulturhaushalt soll im kommenden Jahr um 13 Prozent gekürzt werden. Eine Stadt ohne Theater, Museen, Orchester, Musikschulen oder Bibliotheken? Im Slogan der Initiative 5 vor 12 heißt es, die gesamte Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt ist akut in ihrer Substanz bedroht.
Im folgenden Interview wird die derzeitige Situation in Sachsen-Anhalt und Halle näher betrachtet und Gegenmaßnahmen zu den geplanten Kürzungsplänen vorgestellt. Als Akteur spricht Tom Wolter. Der diplomierte Schauspieler ist seit 1994 als freier Schauspieler, Regisseur, Autor und Dozent tätig. Er war Mitbegründer der theatrale und hat diese von 2001 bis 2006 geleitet, außerdem ist Tom Wolter seit 2004 Vorsitzender des Landeszentrums für Spiel und Theater Sachsen- Anhalt. Politisch engagiert er sich seit 2006 als Fraktionsvorsitzender im Stadtrat der Stadt Halle für den MitBürger e.V..

In der folgenden Transkription wird der Interviewer mit der Abkürzung I versehen und der befragte Akteur mit A. [Die Transkription erfolgte nach Knoblauch (2006) und Flick (2007)]

I: Also. Danke dass Du Dir Zeit für das Interview zum Kulturabbau genommen hast

A: Sehr gerne (3) kein Problem

I: Zu Anfang wollte ich dich kurz fragen . ob Du mir erläutern könntest wofür die Initiative 5 vor 12 steht und wer die Hauptakteure davon sind

A: mhh . ja . also die Hauptakteure sind eigentlich . äh die städtischen Theater . die städtischen Orchester . also die Hauptstandorte sind für diese Initiative schon die Stadttheater . kann man ganz allgemein sagen . weil sie äh eine Struktur haben die . hundert prozentig abhängig ist von dem Kulturetat . dass heißt angestellte . da knapp 90 % der Personalkosten dahinterstehen in der Förderung und wenn du . also egal wie viele Prozent du sozusagen in der Förderung kürzt . kann man sich streiten darüber . äh ob man das Subventionierung nennt oder ob es einfach gesellschaftliches Entgelt ist für Kultur äh gehst du immer in die Substanz rein . und dadurch das wir in den letzten zwanzig Jahren schon ganz viele Umstrukturierungen vorgenommen haben . Verträge auch fest geschlossen haben . also wie Angestelltenverträge ist das auch gar nicht so ein ad hoc durchführbarer Prozess sondern ein konzeptionell durchzuführender Prozess . da ist eigentlich die Kritik am größten . äh . also das man einfach sagt wenn man da diese sieben Millionen oder fast acht Millionen kürzen würde äh also hauptsächlich in den Theatern . dann würde man natürlich ähm . das Angebot was die Theater in Moment vorhalten ähm . wirklich massiv beschränken und da richtet sich schon dieses 5 vor 12 dran . also wenn man das durchlässt wenn man da nicht reagiert . und da sind das in der Kulturszene ähm ob das Gewerkschaften sind . oder die verschiedensten Tarifgemeinschaften . die sag ich mal den Protest sag ich mal vorrangig vorantreiben und solidarisch verschiedenste Landesverbände damit solidarisch erklärt . ähm weil wir in den letzten zwölf . vierzehn Monaten . äh einfach uns auch dazu erklärt haben dass es da eine gewisse Abhängigkeit von verschiedenen Akteuren im Land gibt und die eben voneinander auch partizipieren und die voneinander auch abhängig sind die beziehungsweise sich in der Qualität was das Angebot betrifft . ähm gegenseitig bedingen . also man kann jetzt nicht sagen man fördert nur die bildende Kunst oder nur die Literatur oder nur das Theater oder man möchte irgendwo eine Sparte hervorheben . und deshalb gibt es sag ich jetzt mal ein breites Solidarbündnis . ähm was sich natürlich jetzt immer erweitere durch die Diskussion mit den Unikliniken und der Universität . also das es da eine gewisse Deckungsgleichheit gibt . ähm weil da eine konzeptionelle Erarbeitung noch nicht passiert ist und deswegen ist eigentlich das Solidarbündnis 5 vor 12 ein Beispiel dafür dass man gegen eine Konzeptlosigkeit oder pauschale Kürzungen eintritt

I: Ja ähm danke . die zweite Frage betrifft die Gründung des Kulturkonvents 2011 . um halt zu schauen . was benötigt wird um die Kultur weiterhin zu fördern . ähm und da war es ja so . dass der Konvent festgestellt hat . dass die Kulturlandschaft weiterhin so gut mit finanziellen Mitteln versorgt werden muss oder eine Erhöhung der Mittel sogar sinnvoll wäre um die kulturelle Vielfalt zu erhalten . trotzdem soll es ja drastische Kürzungen im Kulturetat geben . welche Folgen hätte das für die Kulturlandschaft ?

A: Also es gibt äh . es gab einen Austausch vom Landtag und beziehungsweise vom Kultusminister initiiert aber dann von Landtag das Gesetz verabschiedet in der Form das Empfehlungen in einem Abschlussbericht erarbeitet wurden . und eine Empfehlung war . die natürlich auch . ich sag mal auch ein Zeichen war . das man sagt . ähm wenn wir hier ein Land sind mit zehn Milliarden Haushalt . dann ist ein Prozent äh für Kultur ähhh bereitzustellen für die Unterstützung der Kulturlandschaft also gar kein . ähm also kann man nicht vergleichen mit einem anderen Bundesland . ähm also von der Historie her und vom zeitgenössischen Schaffen her und von dieser ganzen ähm UNESCO Weltkulturerbe- Stätten . als es gibt es kein Bundesland was drei Stätten hat . haben wir gesagt . ist das eigentlich notwendig diese ein Prozent . ist ein Signal sind . also ist natürlich erst mal nur ein Rechenbeispiel das geht auch gar nicht ohne Untersetzung und wir haben im Konvent die Bestandsaufnahme gemacht . was ist denn da und haben dann gesagt es muss prozentual ausgewogen sein . und äh haben uns eigentlich gesagt ok . es gibt bestimmte Prozentsätze in diesen hundertmillionen das lässt sich dann auch gut darstellen von der Abhängigkeit zueinander aber das lustige ist . dass es bei den hundertmillionen gar nicht um eine Erhöhung ging in dem Sinne . sondern eigentlich auch um eine Bereitstellung und auch an den Bund gerichtete Anfrage also wir wollen eher ermutigen . das die Kultur ein ganz wichtiges alleinstellungsmerkmal ist im Land und Zukunft für das Land bietet . Arbeitsplätze bietet und eine Identifikation mit ähm bietet mit dem Bundesland . und da gibt es viele Beispiele wo dann gesagt wurde das in der Kulturwirtschaft . die Kreativwirtschaft dort ein ganz großer Wachstumsmarkt ist . auch in Verbindung mit dem Tourismus . der Tourismusbedarf dieser Kulturlandschaft . also es gibt viele Verknüpfungen die man geschaffen hat und wenn man jetzt sagt . was passiert wenn diese achtzig . sag ich jetzt mal . ich weiß nicht genau die Zahlen . also wir hatten jetzt 2013 die Kürzung von sieben Millionen auf 82 . also wenn das jetzt noch mehr Kürzungen geben soll 2014 muss man ganz klar sagen das dann bestimmte Kulturbereiche gerade im zeitgenössischen Schaffen gibt . die so nicht lebensfähig sind . das dort auf jeden Fall eine Beachtung geschaffen werden muss . und das ist der Grund das man sagt ok wir erhöhen das um eine ausgewogene Kulturlandschaft zu schaffen . da wir eine große Tradition im Land haben ist das ein sehr teures Unterfangen . also Museen . und Stiftungen . und Schlösser und Burgen . ich glaube 3000 Kirchen . was weiß ich alles . wir haben mit Luther mit Francke mit Bach Telemann Händel wahnsinnige Komponistenflut in unserem Land . die alle irgendwie bewahrt werden müssen und die natürlich dann auch wieder Orchester benötigen . damit das musikalische Erbe gepflegt werden kann äh und wir haben dann immer das Problem dass diese Erbschaft die ja von unseren Ahnen kommt . die hat man ja jetzt nicht selbst geschaffen sondern über Jahrhunderte übernommen . das man wenn man die pflegen will äh wenn man mit so einem engen Etat rangeht das man einfach das zeitgenössische und moderne Schaffen immer an den Rand drängt . und das muss man klar sagen wenn es nicht zu einer Erhöhung . muss da noch mehr passieren dass die zeitgenössische Kunst . noch mehr an den Rand gedrängt wird in den nächsten Jahren . dass heißt man muss Umstrukturierungen schaffen das muss man eben konzeptionell angehen . man kann nicht einfach kürzen und das hätte keine Lebensfähigkeit für die Theater . aber es gibt bestimmte Möglichkeiten natürlich dass man vielleicht auch innerhalb der nächsten fünf sechs sieben Jahre dort auch vielleicht Reduzierungen vornimmt die müssen aber eben konzeptionell untersetzt sein . ähm und das ist im Moment noch nicht passiert der Konvent hat nur eine Bestandsaufnahme gemacht und man kann jetzt nicht sagen dass wir jetzt einen Plan vorgelegt haben wie es in zwanzig Jahren aussehen soll (3) es gibt auch im Landtag ein Kulturkonzept was jetzt verabschiedet wird . ähm das wird jetzt im Juli begonnen von einer Kulturkonferenz die sich jetzt gründet am zweiten Juli und dann muss man sehen was wir schaffen . ähm ob wir in Teilen vorgehen oder ob man eher so im großen etwas schafft . das man sagt ähm so kann man sich die Landschaft vorstellen wir haben zumindest erst mal nur eine Bestandsaufnahme gemacht und haben im Konvent dann gesagt . das gibt es alles und wenn ihr wollt dass das alles weiterhin durch politische Entscheidung lebensfähig ist und Qualität auch schafft dann . müsst ihr dafür Sorge tragen das es entsprechend finanziert ist . es gibt keine Ehrenamtliche Tätigkeit in diesem Bereich . also das Ehrenamt und die Kunst verträgt sich nur . also Armut und Kunst verträgt sich ja aber wenn man Strukturen schaffen will muss man Arbeitsfähigkeit auch erst mal ermöglichen . wir haben im Land einfach ganz viele strukturelle Probleme gerade also Arbeitsräume . Arbeitsorte . Auftrittsorte die Landschaft muss man über ein Netzwerk pflegen . ähm das aus vielen einzelnen Knotenpunkten besteht . die dann Zentren bilden und sich dann treffen.

I: Mhh da passt eigentlich meine letzte Frage sehr gut rein . und zwar wie sich die einzelnen Kulturakteure zusammenschließen können um dem Abbau entgegenzuwirken . also wie könnte der Zusammenschluss aussehen?

A: Also das ist jetzt erst mal mehr eine politische Reaktion . also es gab ja Bestrebungen das man sich separiert also sagen wir mal die freien hätten sich separiert gegenüber den städtischen Strukturen oder gegenüber den Landesstrukturen . ähm es gibt ja Landeskultureinrichtungen . es gibt Kommunale- und Kreiskultureinrichtungen und es gibt die freien Einrichtungen also Künstler und Künstlergemeinschaften auch Museen teilweise die sehr privat organisiert sind und . ähm wir haben es also geschafft in vielen Gesprächen das das nicht passiert und das wir alle Kulturakteure jetzt eingeladen haben am zweiten Juli und da wird es eine Vereinsgründung geben . ähm die unter dem Namen ich glaub Netzwerkkulturkonferenz oder Kulturkonferenz Sachsen-Anhalt e.V. dann sich gründen und aus dieser Arbeit der Konferenz wollen wir an einer Kulturkonzeption des Landes mitarbeiten entweder alleine solistisch . meine ich jetzt im Sinne von Unter Uns oder was für uns natürlich wünschenswert wäre . und da haben wir schon einige Signale und Verabredungen mit den Landtagsabgeordneten mit den Ministerien und den Landesverwaltungseinrichtungen und das machen wir schon in einigen Bereichen und die freien Theater sind da schon etwas weiter als andere . und ähm dort wird es darum gehen Szenarien zu entwickeln wie es in den nächsten fünf bis zehn Jahren mit welchen Mitteln die Kulturlandschaft weiterentwickelt werden kann . also sag ich mal ein klassisches Kulturkonzept und das ist eine große Aufgabe die uns wahrscheinlich viel Ärger oder viel Zeit oder beides kosten wird zumindest ist es eine konstruktiver Form den Konvent weiter zu führen weil der Konvent wirklich erst mal nur eine Bestandsaufnahme war und jetzt sagt man eben ok so kann man sich die Zukunft vorstellen wie man den Weg bestreitet . ja . des Landes . es geht immer um Streit weil wir im Moment sagen . ok wir diskutieren die haben 36 Millionen und ich diskutiere für die die freien Theater um 500.000 als Landesetat für alle freien Theater und die haben alleine auch schon 120.000 bis 140.000 Zuschauer also woran will man das jetzt messen . ähm das ist eine schwierige Kiste . man muss aufpassen . das man nicht sofort in so eine Konkurrenz- oder Neiddebatte geht sondern das man sagt ok das ist eine andere Arbeitsform . und es wird darum gehen zu beschreiben wie man das Land für seine Fläche und die Oberzentren ausreichend versorgt und vielleicht schaffen wir das aus uns heraus so etwas zu definieren . man muss ja handeln . also es wird in den nächsten Jahrzehnten hier weniger Geld geben und wahrscheinlich auch weniger Einwohner . und ähm darauf muss man reagieren . man muss einfach mit einem klaren Kulturkonzept darauf reagieren . in Thüringen wir der Kulturetat zum Beispiel gerade erhöht . da gibt es im Netz ein ganz spannendes Kulturkonzept . das kann man sich als Szenario anschauen und selbst sehen . ähm wo will man selbst hin

I: Ok vielen Dank für die ausführliche Erläuterung . ähm das war sehr hilfreich . eine kurze Frage habe ich noch . darf ich deinen Namen als Akteur nennen oder willst Du anonym bleiben?

A: Ja Ja klar kannst Du gerne machen.

I: Ok Danke

 

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