Wahrzeichen?

Wenn man sich heute in Halle-Neustadt umsieht erinnert nicht mehr viel an die Chemiearbeiterstadt als die sie einst geplant und gebaut wurde. Konnte die ehemals kreisfreie Stadt bis in die 90er Jahre hinein kaum genug Wohnraum aufbringen, so gestaltet sich die Lage aktuell in einem ganz anderen Licht. Ein massiver Einwohnerschwund und der Demographische Wandel trugen merklich zu einem Paradigmenwechsel bei.

Einige Neubaublöcke verschwanden und machten Grünflächen Platz, andere wurden saniert um sich so an die gesunkene Anfrage anzupassen. Auch die Infrastruktur hat sich in den letzten Jahren, vor allem durch die Straßenbahn, stark verbessert.
Und dennoch hat „HaNeu“ mit einem Negativ-Image zu kämpfen. Ein Grund hierfür findet sich im Zentrum der Neustadt. Die Kulisse der erst 2006 sanierten Neustädter Passage wird getrübt durch die maroden Hochhaus-Scheiben, die in den 70er Jahren zu einem architektonischen Wahrzeichen des Stadtteiles wurden. Fanden hier einst Studenten und Arbeiter genügend Platz zum Leben, stehen mittlerweile 4 der 5 Scheiben leer. Abgesehen von der einzigen sanierten Scheibe D, in der unter anderen Büroräume untergebracht sind, werden seit nunmehr 15 Jahren keine der Häuser mehr genutzt und sind so dem Verfall ausgesetzt. Ihre einzigen Bewohner sind verwilderte Haustauben, die dank zerbrochener Fenster und Balkontüren in den Häusern einen sicheren Nistplatz finden um sich ungehindert vermehren zu können. Die Stadt sieht dieser Entwicklung hilflos entgegen, besitzt sie zwar das städtebauliche Gestaltungsrecht doch die Scheiben gehören ihr nicht mehr. Sie wurden an Investoren verkauft die sich Gewinne aus ihnen versprachen, dann jedoch entweder Insolvent gingen, oder keinen Nutzen für diese fanden. Einer dieser Investoren ist das Land Sachsen-Anhalt. Dieses sah die Scheibe C für einen geeigneten Standort für das Finanzamt an und kaufte das Hochhaus. Aufgrund der hohen Sanierungskosten musste jedoch der Standort schlussendlich ausgeschlossen werden. Da das Land aber keine Immobilien besitzen darf, die sie nicht verwaltungstechnisch nutzt und zu dem auch die Chancen schlecht stehen, das Gebäude auf dem Immobilienmarkt veräußern zu können, müssen nun neue Lösungsansätze angestrebt werden. Aus diesem Grund fand am 26. Juni 2013 in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Halle, dem Halle Neustadt-Verein, dem Bürgerverein Stadtgestaltung und dem Staatssekretär des Finanzministeriums Sachsen-Anhalt eine Diskussionsrunde für die Bürgerinnen und Bürger statt. Zusammen sollten Lösungen gefunden werden, wie mit den Scheiben, insbesondere der Scheibe C, verfahren werden könnte. Seitens der Veranstalter fand man Einigkeit darin, dass man so schnell wie möglich eine Lösung finden möchte. Der Staatssekretär sprach in diesem Zusammenhang von ungefähr zwei Jahren, die er diesem Projekt noch Zeit gebe. Allerdings ziehe er, anders als die anderen Teilnehmer in dieser Runde, auch einen Abriss nach dem Ablauf der Frist in Betracht. Die Stadt möchte erneut eine Machbarkeitsstudie anstrengen um effektive Lösungen ausloten zu können. Sie vertritt die Meinung, dass wenn man eine attraktive Lösung für Scheibe C umsetzen kann, die anderen Investoren nachziehen würden. Zudem sind sie gegen einen Abriss, da frühere Studien gezeigt hätten, dass der entstehende Leerraum sich negativ auf das Stadtbild auswirke. Außerdem seien die Scheiben ein Wahrzeichen für die Neustadt. Auch die Vereine und Besucher stellen sich gegen einen Abriss. Eine einzelne Stimme dafür wird weitestgehend von Allen abgelehnt. Der Konsens des Abends bestand darin die entstehenden Prozesse öffentlich zu gestalten. Man wolle die Bürgerinnen und Bürger über die Entwicklung auf dem Laufen halten und sie so oft wie möglich in eine Diskussion einbinden.
Dennoch bleibt die Zukunft der Scheiben mehr als ungewiss. In den Medien schlugen sich in den folgenden Tagen vor allem die negativen Aussichten des Staatsekretärs nieder, die einen Abriss prophezeien.

 

Fotoserie Neustadt Scheiben

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One thought on “Wahrzeichen?

  1. Auf einem der fünf „Scheiben“ in Halle-Neustadt, Neustädter Passage 6 (Bürohaus West), befindet sich das Café Skyline, von dem man einen tollen Ausblick genießen darf. Eintritt zur Dachterrasse ist für Gäste frei ansonsten kostet es 1,50 €. Für den Fall, dass einen just in dem Moment die Reiselust packt, kann man direkt im Café eines der Angebote buchen.

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